Der chinesische Begriff des „CHI“ bedeutet übersetzt im einfachsten Sinn soviel wie „Energie“. Nun wird Energie im menschlichen Körper hauptsächlich durch den Gasaustausch in den Lungen, die Verstoffwechselung in der Leber und dem Elektrolythaushalt in den Nieren bereitgestellt. Insoweit kann der westliche Denkansatz den chinesischen ergänzen und genauer definieren, was es mit der „Energie“ auf sich hat.
Allerdings geht der chinesische Begriff CHI noch über die rein stoffliche Betrachtung dieses Begriffes hinaus. Ähnlich wie man beim elektrischen Strom die Bewegung der Atome im Kupferkabel zwar genau beschrieben kann, ohne damit vollständig wiederzugeben, was Strom als Energie leisten kann. Aus chinesischer Sicht ist daher CHI weit mehr als nur ein Effekt von Stoffwechselvorgängen, auch wenn es darauf beruht.
CHI kann im Körper erlebt werden. Die ersten CHI-Phänomene erleben Schüler des Tai Chi Chuan oder der verschiedenen Qi Gong Übungssysteme als Kribbeln unter der Haut und als Wärme. Sowohl Kribbeln als auch Wärme sind beides Zeichen eines erhöhten Stoffwechsels. Da wir an unserem Körper die Rezeptoren zur Wahrnehmung solcher Phänomene ungleich verteilt haben, sind die Körperregionen mit besonders hoher Rezeptorendichte besonders geeignet, diese Phänomene wahrzunehmen: Die Hände, die Unterarme und das Gesicht.
Dazu gesellt sich dann oft als zweites ein gewisses Strömungsgefühl im Körper. Auch dieses wird wieder im Bereich der Hände, Arme und im Gesicht am stärksten erlebt. Nach ein paar Jahren des Übens des Tai Chi Chuan verließ mich dieses Strömungsgefühl gar nicht mehr und wurde zum Teil meiner „normalen“ Körperwahrnehmung.
Dieses CHI-Phänomen wird auch als zentrifugal beschrieben. Alles in einer Zentrifuge wird nach außen geschleudert. So fühlt es sich auch mit dem CHI an. Seine natürliche Richtung ist ein permanenter Fluss von innen nach außen zur Körperperipherie.
Mit der Kraft seines Geistes und durch bestimmte körperliche Techniken lässt sich diese Strömungsrichtung lenken und nach innen konzentrieren. Dieses Konzentration des CHI’s geschieht vor allem auf die Körpermitte zu. Einerseits genau auf die Mitte unserer beiden Körperhälften am Körperstamm, also ohne Beine und Kopf, und andererseits von oben und unten gleichzeitig zur Mitte strebend und sich im Unterbauch treffend. Die Höhe des Tan Tien ist dabei der Punkt, an dem sich beide Konzentrationen des CHI treffen. Wobei die Konzentration des CHI auf der Längsrichtung deutlich stärker ist als die auf der Querrichtung. Man kann sich auch noch auf andere Querrichtungen in Höhe der einzelnen Chakren konzentrieren. Aber diese sind meiner Erfahrung nach vernachlässigbar, weil sich die Energie dort nicht nachhaltig konzentrieren lässt.
Am stärksten ist die Konzentration des CHI auf der Körpermittellinie spürbar. Und weil wir hier auf der Körpervorderseite eine höhere Rezeptorendichte haben als auf der Körperrückseite, ist der spürbare Effekt dort stärker wahrnehmbar. Das bedeutet aber nicht, dass das CHI vorne stärker ist. Es ist nur stärker wahrnehmbar.
Wenn sich die an sich zentrifugal verhaltene Energie sammelt, wird das Tan Tien besondern gut spürbar. Dies ist ein Punkt tief im Unterbauch, an dem sich die Energie konzentriert, weil sie aus allen Richtungen dort hin strömt und nirgends hin abfließt. Es kann hier zu einem kräftigen Gefühl der Verdichtung oder der Spannung kommen oder zu dem Gefühl von „glühenden Kohlen“. Wenn Ihnen dies zum ersten Mal passiert und unangenehm ist, arbeiten Sie mit Ihrem Geist und stellen Sie sich vor, wie die Energie auf Ihrer Körpermittellinie kreist. So geht sie Ihnen nicht verloren und wird sich nicht mehr so stark im Tan Tien konzentrieren. Sie bestimmen, wie stark Ihr CHI sich konzentriert.
Die Körpermittellinie ist in der chinesischen Medizin die Linie, auf der zwei zentrale Meridiane angelegt sind. Auf ihnen kreist die Energie unablässig. bevor sie auf den beiden Körperseiten in den 12 Meridianen gebraucht wird. Da das CHI sich fließend verhält, kann man es nicht anders konservieren, als es unablässig im Kreis fließen zu lassen und sich dann nach Bedarf aus diesem Kreislauf zu bedienen.
Die Bewegungen des Tai Chi Chuans regen in der Regel den CHI-Fluss im Körper an. Damit diese Energie nicht nur nach außen strömt, ist es wichtig, sie auch wieder nach innen auf die mittlere Bahn zu lenken. Hierzu dienen vor allem Körperübungen, bei denen man konzentriert und ruhig steht und mittels der Kraft seines Geistes die Energie nach innen lenkt. Ich beschließe traditionell meinen Unterricht immer mit solchen Übungen.
Auf dieser Konzentration des CHI beruht der gesundheitliche Aspekt des Tai Chi Chuan. Mit einem hohen Maß an Energie ist der menschliche Körper offensichtlich in der Lage, sich selber gut zu regenerieren, seine Selbstheilungskräfte zu nutzen und seine Immunabwehr zu stärken. Dies sind Garanten für ein langes gesundes Leben.
In der Kampfkunst geht man noch einen Schritt weiter. Hier wird die im Tan Tien konzentrierte Energie über die Bindegewebe nach außen abgegeben. Hierzu ist es notwendig, die Bindegewebe zu spannen. Ähnlich einem Bogen, der einen Pfeil abschießen soll, braucht es hierzu eine gewissen Spannung, die in der Lage ist, Energie aufzunehmen und blitzschnell abzugeben. Auf einem fortgeschrittenen Level können meine Schüler allein durch die Kraft ihrer Gedanken ohne äußere Bewegung ihr CHI nach außen lenken.
Die hierfür notwendige Spannung muss dennoch ermöglichen, dass sich zunächst einmal das CHI verströmt, um anschließend eingesammelt zu werden. Spannungsbögen müssen daher in eine gewisse Durchlässigkeit und Lockerheit hinein aufgebaut werden, die es später ermöglichen, über sie das CHI zu senden. Also im gewissen Sinne entspannt und gespannt zu gleich zu sein. Wobei die Gelenke und Muskeln sich anders verhalten als die Bindegewebe und Knochen. Nur durch eine sinnvolle Arbeitsteilung wird die Gleichzeitigkeit von Entspannung und Spannung möglich.
Diese Spannungsbögen kann man unmittelbar mit der Form erlernen. Man braucht also nicht vorher ein lockerndes Tai Chi und anschließend ein festigendes Tai Chi zu lernen. Man kann auch direkt beides in einem Lernen, so wie man es auch hinterher brauchen kann, wenn man das CHI unmittelbar in konzentrierter Form nach außen bringen will, wie zum Beispiel in der Kampfkunst. Hat man allerdings erst ein Tai Chi gelernt, welches sich ausschließlich auf die Lockerheit der Gliedmaßen konzentriert hat, ist es irgendwann sicherlich sinnvoll, auch den zweiten Aspekt mit hinzu zu nehmen. Oder wenn man sich umkehrt auf den Aufbau der Spannungsbögen konzentriert hat, wie es die Schüler von Meister King Hung Chu (ITCCA) verstehen, ist ein entspanntes Sinken und Lockern der Gelenke als Ergänzung sinnvoll.
Der Fluss des CHI hängt nach meiner Erfahrung im Wesentlichen von der Ausgewogenheit des Yin und des Yang in einer Bewegung ab. Anhand dieses Gegensatzpaares lässt sich sehr viel innerhalb der Tai Chi Chuan Form verstehen. Ich nutze es deshalb, um die Bewegungen der Form tiefgreifend zu korrigieren.