Atmung

Während für die Chinesen alles CHI (Energie) ist, unterscheiden wir im Westen drei Arten von Energie:

1. Den Gasaustausch über die Lungen.
2. Die Anreicherung des Blutes in der Leber.
3. Die Einstellung des PH-Wertes in den Nieren.

Auf allen drei Ebenen lässt sich durch Körperübungen die Leistungsfähigkeit dieser drei Systeme verbessern.

Beim Gasaustausch in den Lungen kommt es darauf an, in dem luftgefüllten Raum annähernd den gleichen Druck zu erzeugen, der auch auf der Seite des Blutstroms herrscht. Nur bei gleichen Druckverhältnissen ist der Gasaustausch optimal. Entsteht ein zu hoher Pressdruck in den Lufträumen der Lunge, können die Gase aus dem Blut nicht in den Luftraum übertreten und blockieren den Weg für den Sauerstoff, der ins Blut eintreten will. Die Atemtätigkeit ist dann nicht so effektiv, wie sie sein könnte. Eine bestimte Art der Flankenatmung ist die optimale Art der Atmung.

Die Leber verstoffwechselt erst einmal alles, was der Dünndarm aufnimmt. Dabei werden die aufgenommenen Stoffe so modifiziert, dass sie für den Körper von Nutzen sind. Aus den aufgenommenen Kohlehydraten wird beispielsweise Blutzucker gebildet. Dieser stellt den Brennstoff in den Muskeln dar. Die Leber funktioniert wie eine große Chemiefabrik, die viele tausende Stoffe synthetisiert und im Körper bereitstellt. Wenn die Leber durch die Flankentatmung und durch Bewegungen der inneren Organe innerlich „massiert“ wird, kann sie ihre Aufgabe wesentlich besser erfüllen.

Die Nieren waschen pro Tag bis zu 1.500 Liter Blut. Die rund 6 Liter Blutmenge eines Menschen wird also 250 Mal pro Tag durch die Nieren gefiltert. Da ein Tag 1440 Minuten hat, wird in knapp 6 Minuten jeder Tropfen Blut einmal von den Nieren gewaschen. Die Nieren halten den Elektrolythaushalt möglichst konstant bei einem PH-Wert von 7,4. Die Elektrolyte wirken an der Gefäßmebrane jeder Zelle und können sie durchlässig machen für die Aufnahme von Stoffen, die in eine Zelle hineingelassen werden sollen, und Abfallstoffen, die die Zelle ausschleusen muss. Wenn der PH-Wert sinkt und das Blut zu sauer wird, wird dieser Prozess nachhaltig gestört. Der Betroffene spürt dies als abgrundtiefe Müdigkeit, von der er sich auch durch ausreichenden Schlaf nicht erholt. Die richtige Flankenatmung bewegt die Nieren im Körper 2-3 Zentimeter mit jedem Atemzug. Diese Bewegung erzeugt die für die Nieren notwendige Wärme, die sie für ihre feine Filterleistung brauchen.

Nach meiner Erfahrung ist die richtige Atmung die Flankenatmung. Nur sie bringt auf allen drei Ebenen die besten Resultate: optimaler Gasaustausch in den Lungen, optimale Synthetisierung vieler lebensnotwendiger Stoffe in der Leber und die optimale Einstellung der Elektrolyte im Blut durch die Nieren. Alle Babys machen die Flankenatmung. In kurzen kräftigen Atemstößen dehnt sich vor allem die Körpermitte auf Höhe der untersten Rippen aus und senkt sich wieder. Mit der Zeit neigen Kinder dann dazu, die Atmung mehr nach unten zu verschieben (Bauchatmung) oder hochzuziehen (Brustatmung).

Eine Bauchatmung entwickelt sich, wenn Kinder in den Rippen zu fest und unbeweglich werden und sie ihr Brustbein sinken lassen. Dann weicht die Atmung von der Körpermitte nach unten aus. Sie geraten in einen Zustand der Ausatmung und müssen gegen den Widerstand ihres Brustkorbes aktiv einatmen.

Ziehen sie dagegen aktiv ihren Brustkorb mit den Atemhilfsmuskeln nach oben, strömt die Luft leichter in den oberen Brustkorb als in die Körpermitte und es entwickelt sich eine Brustatmung. Brustatmer müssen aktiv ausatmen um den aufgestellten Brustkorb wieder zu entlüften.

Diese beiden Atemtypen sind beide nicht physiologisch optimal. Sie haben Nachteile für die inneren Organe. Bei dem Bauchatmern drückt das Zwerchfell mit den daran befestigten Oberbauchorganen (Leber, Magen, querlaufender Dickdarm) zu stark auf die unteren Bauchorgane (Dünndarm, Blase, bei Frauen auch Eierstöcke und Gebärmutter). Dieser erhöhte Druck führt zu einer verlangsamten Arbeitsweise dieser Organe. Gleichzeitig ist der Lungenraum oft zu stark eingefallen und im Gasaustausch behindert. Eine gewisse „Trägheit“ entwickelt sich und der Bauchatmer fühlt sich oft schlapp und müde.

Bei den Brustatmern werden die Lungen und die Bauchorgane zu stark auseinander gezogen. In der Lunge führt dies ebenfalls zu einem schlechteren Gasaustausch. Zwar können nun die CO2-Partikel besser aus dem Blutstrom entweichen. Es ist aber nicht genug Luftdruck in den Lungen, um den Sauerstoff in ausreichend konzentrierter Form anzubieten. Im Bauchraum fehlt es an der notwendigen Massage der inneren Organe. Insgesamt hat der Brustatmer daher das Gefühl, sich mehr anstrengen zu müssen, um ausreichend versorgt zu sein. Dieses „Mehr an Anstrengung“ führt langfristig zur Ermüdung und auch der Brustatmer entwickelt eine tiefgehende Erschöpfung.

Lediglich die Flankenatmung bietet die optimale Atmung. Sie massiert ausreichend die Oberbauchorgane gegen die Unterbauchorgane. Sobald sich zwischen diesen beiden ein gewisser Druck durch das Senken des Zwerchfells aufbaut, öffnen die Flanken und bieten eine weitere seitliche Bewegungsmöglichkeit für die Bauchorgane an. Dadurch wird die Bauchmassage dreidimensional und es baut sich nicht zu viel Druck auf. Gleichzeitig wird die Lunge nicht nur nach unten gezogen, sondern ebenfalls in den Flanken geweitet. Dies öffnet die Alveolen (Lungenbläschen) dreidimensional und sorgt für genau den richtigen Druck auf der Luftseite und auf der Blutseite. Diesen ausgeglichenen Druck auf beiden Seiten braucht es, damit die Gase wechselseitig ihren Platz tauschen können. CO2 verlässt seinen Sitzplatz auf den Erythrozyten (roten Blutkörperchen) und Sauerstoff nimmt den freigewordenen Platz ein. Auf diese Weise versorgt, entwickelt sich keine Erschöpfung. Man bleibt so aktiv und leistungsfähig wie es kleine Kinder sind, die die Flankenatmung noch mühelos beherrschen.

Ich weiß, dass es inzwischen Tai Chi Formen gibt, die sich den beiden Atmungstypen (Bauch- und Brustatmer) anpassen und dies für sinnvoll halten. Ich halte nichts davon, weil diese beiden Atemtypen nicht die optimale Versorgung des Körpers gewährleisten. Warum sollte ich dann die Tai Chi Form daran anpassen? Es macht keinen Sinn.

Für weitaus sinnvoller halte ich es, in der Tai Chi Form darauf zu achten, dass sich die Flankenatmung frei entfalten kann. Kann sie dies nicht, helfen oft kleine Korrekturen am Stand und an der Haltung, um die Atmung in den Flanken wieder vollständig frei zu bekommen. Andersherum kann auch die Aufmerksamkeit auf der Atmung dem Übenden helfen, selber zu spüren, ob seine Haltung optimal ist. Zwingt ihn seine Haltung zu sehr in den einen oder anderen Atmungstypen hinein, ließe sich seine Haltung noch verbessern. Die meisten Anfänger verändern jedoch ihre Atmung sofort, wenn sie sich ihr bewusst zuwenden. Deshalb bleibt dies den Fortgeschritteneren als Möglichkeit der Selbstkorrektur, die ihre Atmung erst einmal still beobachten können, ohne einzugreifen.

Für Menschen, die nicht mit dem Übungssystem des Tai Chi Chuans vertraut sind, habe ich  geeignete Übungen zusammengestellt, mit der man der Flankenatmung helfen und auf allen drei Organsystemen eine wertvolle Unterstützung geben kann. Diese zielen genau darauf, die Atmung und die inneren Organe zu stärken. Ich nenne sie SLOW UP YOUR LIFE!, also „Entschleunige dein Leben!“. Ich wählte diesen Namen, weil gerade dieser Effekt, das Herunterfahren des inneren Drangs nach vorne in uns durch ein Hochfahren des Energiepegels augenfällig dabei war. Weitere Details dazu finden Sie auf dieser Seite: Slow Up! .